Forschungszentrum Jülich

Grenze

21.07., 9:15 Uhr; Das Forschungszentrum Jülich gleicht einer Black Box. Mitten in einem Waldstück liegt es fast unsichtbar hinter gut gesicherten Zäunen. Errichtet ab 1957 beherbergt es auf einer Fläche von etwas mehr als zwei Quadratkilometer über zweihundert Gebäude. Etwa 5700 Menschen arbeiten hier – aber was und woran forschen sie? Gesellschafter des Forschungszentrums sind zu neunzig Prozent die Bundesrepublik und zu zehn Prozent das Land Nordrhein-Westfalen, doch Zutritt hat deswegen die Öffentlichkeit hier noch lange nicht. Auf Anfrage erhielten wir die Möglichkeit, uns einer Besuchergruppe anzuschließen, wozu ich Tage im voraus Personalien und Ausweisnummern mitteilen musste. Angekommen in der zentralen Besucheranmeldung müssen alle Gäste per Hand noch einmal ein Formular ausfüllen – die Computeranlage ist ausgefallen. Die meisten Besucher füllen die umständlichen Vordrucke falsch aus und reihen sich alsbald zu einer langen Warteschlange; das Personal verhält sich entsprechend wenig charmant. Schließlich startet die Besichtigungstour aber doch und per Bus wird eine Gruppe von etwa vierzig Personen über das weitläufige Areal gefahren. An einigen Stationen steigen wir aus, erhalten jeweils kurz die Gelegenheit zu einem Blick in eine Forschungseinrichtung. Noch am anschaulichsten ist das Projekt „Aufwind”. Hier werden in Gewächshäusern besondere, Öl absondernde Mikroalgen kultiviert. Erforscht wird dabei, ob diese Algen eventuell für die Herstellung von Erdöl und Kerosin genutzt werden könnten. Hinter den matten Scheiben der Gewächshäuser verbirgt sich also ein Blick in die Zukunft. Es gibt viele solcher „versteckten Aussichtspunkte” in diesem Areal. Mit besonderem Stolz führt man uns in das Foyer von JUQUEEN – „Europas Königin der Rechner“. Durch ein Schaufenster hindurch blicken wir auf mehrere große, schwarze Kästen. Diese zusammen bilden also die Nummer Sieben der fünfhundert größten Computer weltweit (Stand Juni 2013). Im Foyer steht auch eine Art Globus. Dieser soll in Verbindung mit dem Supercomputer die Simulation des Klimawandels verbildlichen – zur Zeit ist dieser Globus jedoch leider außer Betrieb. Insgesamt ist das Forschungszentrum bereits deutlich in die Jahre gekommen. Für über achtzigtausend Quadratmeter Nutzfläche wurde dringender Sanierungsbedarf ermittelt. Manches hat auch seine ursprüngliche Nutzung längst verloren, so etwa der 1967 in Betrieb genommene Atomversuchsreaktor AVR Jülich:
Dieser Kugelhaufen-Forschungsreaktor wurde bereits 1988 stillgelegt. Seither wird der Reaktor rückgebaut, was einigen haarsträubenden Erkenntnissen ans Tageslicht verhalf. Beispielsweise ist der Boden unter dem Kernkraftwerk derart radioaktiv belastet, dass das Reaktorgebäude entgegen ursprünglichen Plänen komplett abgerissen und die Erde saniert werden muss. Rasch wurde klar, dass die hierfür vom ehemaligen Betreiber rückgestellte Summe von knapp vierzig Millionen DM keinesfalls ausreichen würde – und diese Aufgabe von der Allgemeinheit getragen werden muss. Inzwischen werden die Gesamtkosten für die Wiederherstellung der „grünen Wiese“ und die Entsorgung aller Materialien auf eine bis eineinhalb Milliarden Euro geschätzt. Gravierender noch als diese Kosten wiegen die Unregelmäßigkeiten und Störfälle, die während des Reaktorbetriebs regelmäßig verharmlost und erst nach und nach bekannt wurden. Einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leistete der ehemalige Mitarbeiter des Forschungszentrums Dr. Rainer Moormann. 2008 trat er mit einer kritischen Studie an die Öffentlichkeit, beschrieb darin die Risiken dieses Reaktortyps. Nach seiner Untersuchung waren die Betreiber des AVR-Kugelhaufenreaktors nur knapp an einer Katastrophe „vorbeigeschlittert“. Moormann verwandte sich gegen einen Export dieser Technologie, etwa nach Südafrika oder China, was ihm berufliche Nachteile einbrachte, wofür er dann auch mit dem „Whistleblowerpreis“ ausgezeichnet wurde. Rehabilitiert wurde er aber letztlich durch den Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission, die zahlreiche, teilweise gravierende Missstände rekonstruierte. Das Forschungszentrum Jülich hat inzwischen in einer öffentlichen Stellungnahme gravierende Fehler und Versäumnisse während des Reaktorbetriebs zugegeben und bedauert, dass die „Regeln guter wissenschaftlicher Praxis nicht immer eingehalten worden“ sind. Die unerträgliche Leichtigkeit des schönen Scheins – so könnte man die Geschichte dieses Atomreaktors auch überschreiben, die auch noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Als ein weiteres Kapitel wurde im Mai 2015 der Reaktorkern in ein hierfür neu errichtetes Zwischenlager transportiert. Die Einfahrt zu dieser etwas größeren „Garage“ wurde anschließend baulich verschlossen – und keiner weiss für wie lange, ob für viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte.
Gerne hätte ich einen Blick in diese Box getan, was mir aber nicht möglich wird: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen weder die Erlaubnis zur Besichtigung des Lagers noch für Film- oder Fotoaufnahmen geben kann,” teilte mir die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor einige Tage zuvor lapidar mit. Ganz ähnlich lautete auch die Antwort auf meine Anfrage zum Besuch des Solarturms in der unmittelbaren Nachbarschaft des Forschungszentrums: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass […] wir die Besuchsanfrage ablehnen müssen. Gerne können Sie von einem Standpunkt außerhalb des Gelände des Solarturms einen Blick auf diesen richten.”
Zum Ende der dreistündigen Besichtigung hat sich mein Bild etwas differenziert – das Forschungszentrum ist nicht eine Black Box, sondern besteht aus vielen Boxes. Was bedeutet es nun also für mich, einmal hier gewesen zu sein? Viel sehen und erkennen konnte ich bei der Tour leider nicht. Missen möchte ich den Besuch dennoch nicht. Insbesondere habe ich eine räumliche Vorstellung erhalten. Gerade auch der im „Besucherservice“ vermittelte erste Eindruck bedeutet eine Information, die so nirgends nachzulesen ist. Anstatt einer knapp bemessenen Bustour hätte ich mir gewünscht, mich frei zu Fuß durch das Areal bewegen zu können. Hierzu ist man als Besucher jedoch nicht befugt – etwas, was sich ändern könnte und sollte. Schließlich ist es doch die Allgemeinheit, die hier die Kosten trägt.

„Aufwind" im Gewächshaus

Blick auf das Projekt “Aufwind”

 

 

AVR-Rückbau-Baustelle

Die Rückbau-Baustelle des AVR.

 

Zwischenlager

Das verschlossene Zwischenlager

 

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