Hoher Meißner: Gegen geistige Enge

Inschrift 1913

17.08. Als ich auf dem Berg ankomme, ist von diesem nichts zu sehen: Der Hohe Meißner liegt in dichtem Nebel. Sehr leicht könnte ich mich in dieser Situation verirren. So sind mir die zahlreichen und in kurzen Abständen aufgestellten Wegweiser wirklich eine wichtige Hilfe. Bei normalen Bedingungen fände ich diese sicherlich überdimensioniert oder gar überflüssig. Man könnte diese Erfahrung passend übertragen auf die öffentlichen Auseinandersetzungen, die vor dem Hintergrund der gestiegenen Flüchtlingszahlen aufgebrochen sind: Die zentralen Markierungen zeigen ihre Bedeutung nicht im „Normalzustand“, sondern diese müssen so gesetzt und verankert sein, dass sie gerade im Zustand der geistigen Verirrung als Orientierung funktionieren.

Dichter Nebel ist in mehrfacher Hinsicht sehr passend für diesen Berg. Auch die Geschichten und Mythen zu dem, was sich hier 1913 an einem regnerischen, nebeligen Tag auf dem Meißner zugetragen hat, sind nicht so einfach zu durchdringen. Auch wegen dieser Geschichte kam ich hier hoch. Auf einige Kernpunkte hat sich die Geschichtsschreibung geeinigt: Am 11. und 12. Oktober 1913 trafen über zweitausend Jugendliche und Jugendbewegte auf dem Meißner zusammen, zu einem „Fest der Jugend“, das als „Erster Freideutscher Jugendtag“ in die Geschichte einging. Darunter fanden sich auch einige, die später noch Spuren hinterlassen sollten, so etwa Walter Benjamin oder Alfred Kurella, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Kulturabteilung beim ZK der SED leitete und Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR wurde. Auf Grund der als „heiligen und hohen“ empfundenen Stimmung bei diesem Treffen und durch die Berichterstattung darüber hat sich für den zuvor nur Meißner genannten Berg der Name „Hoher Meißner“ durchgesetzt. Berühmt wurde auch die bei dem Treffen gemeinsam verkündete Meißnerformel:

„Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“ (Quelle)

Hinlänglich bekannt und belegt ist die Absicht des Treffens: Es sollte auch eine Gegenveranstaltung sein zu der zur selben Zeit in Leipzig stattfindenden Jubiläumsfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. Die abschließenden Worte sprach der 56-jährige Dichter Ferdinand Avenarius: „Gott segne die Freideutsche Jugend. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.“ Da jedoch befand sich die Freideutsche Jugend bereits im Ersten Weltkrieg. Und noch einmal einige Jahre später befanden sich nicht wenige der einstigen Meißnerfahrer im Nationalsozialismus. Und hier verschleiert nun abermals dichter Nebel eine klare Sicht. Bis heute wird darum gerungen, diesen Nebel zu durchdringen. Besonders bemüht hat sich hierzu Christian Niemeyer. Als ausgewiesener Kenner der Jugendbewegung hat er 2013 mit Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend eine Personengeschichte der deutschen Jugendbewegung vorgelegt. So belegt er zum einen über biografische Verläufe und Haltungen die Kontinuitätslinien zwischen Jugendbewegung bzw. Bündischer Jugend und Nationalsozialismus zweifelsfrei. Zum anderen macht er bestimmte Personen dafür verantwortlich, dass nach 1945 eine Geschichte der Jugendbewegung geschrieben und tradiert wurde, in der systematisch und bewusst das völkische, antisemitische und antidemokratische Erbe der Bewegung verschleiert oder klein geredet wird. (vgl. Rezension) Was bei all dem Nebel dennoch bleibt, ist die Intension und Geste des Treffens von 1913: Es war eine Kritik an der Enge des Denkens im Kaiserreich.

Bei meinem Spaziergang auf dem Meißner treffe ich auf keine Jugendlichen, sehe überhaupt nur sehr wenige Wanderer. Hingegen kommen Gruppen von Senioren mit dem Auto oder im Reisebus angefahren. Rebellion gegen geistige Enge scheint nicht so sehr deren Anliegen. Aber wahrscheinlich habe ich nur einen ungünstigen Tag erwischt. Beispielsweise 1988, zum 75. Jahrestag des Freideutschen Jugendtages kam es zu einem Treffen auf dem Hohen Meißner, an dem wiederum mehrere Tausend Jugendbewegte teilnahmen und erneut eine Erklärung verabschiedeten:

Mit Betroffenheit verfolgen wir den Weg, auf dem die heutige Zivilisation voranschreitet. Die unverantwortliche Zerstörung der Natur, die Vereinsamung der Menschen und die Abkehr von Qualitäten des Lebens gefährden die Existenz der Erde und ihrer Geschöpfe. In der Suche nach einem neuen würdigen Weg der menschlichen Kultur sehen wir die Aufgabe eines jeden, der der heutigen Zeit gerecht werden will.

Die in dieser Formel enthaltene Zustandsbeschreibung wäre auch 25 Jahre später nicht weniger zutreffend gewesen – und ist es auch noch heute. Allerdings stand beim 100. Jahrestag im Zentrum der jugendlichen Erregung die Abgrenzung von erneut auftauchenden völkischen und rechtsnationalen Jugendbünden. So bleiben die Ereignisse rund um den Hohen Meißner weiterhin umnebelt. Immerhin so viel lässt die Begegnung mit diesem Ort anklingen: Die Sehnsucht nach einem Ausbruch aus geistiger Enge hat die Menschen schon oft bewegt. Und fast unweigerlich richtet sich der fragende Blick von hier oben auf den gegenwärtigen Horizont: Was ist jenseits von Wirtschaftswachstum und Sicherung von Arbeitsplätzen, jenseits von marktkonformer Demokratie und Kommerz noch zu finden an Ideen und Lebensvorstellungen?

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