Indeland

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Düren Bahnhof; 17.07., 15:47. Die Fülle der Anreise war zum Abgewöhnen: Überfüllte Bahn-Wagons, ewiges Handy-Gequake, quengelnde Kinder, schwächelnde Klimaanlage, Monster-Koffer in den Fluren, überfordertes Zugpersonal und über zwei Stunden Verspätung. Wie freue ich mich: Ich muss jetzt zwei Monate lang mit keinem Zug fahren. Die Entschleunigung kann beginnen.
Zuvor aber erst noch rasch einen Abstecher ins „Indeland”. Ich bin verabredet mit Klaus Dosch von der Aachener Stiftung Kathy Beys. Er bot mir an, ab Düren mich in seinem Auto nach Aachen zu fahren und unterwegs einiges zu zeigen. Nur fehlen eben jetzt die zwei Stunden. Das ist schon mal bemerkenswert: Gleich zu Beginn einer zweimonatigen Reise bestimmen zwei fehlende Stunden den Ablauf. Auf kürzestem Wege fahren wir zu dem Aussichtspunkt des Tagebaus Inden. Vom Parkplatz aus geht es zunächst einige Meter eine leichte Böschung nach oben und noch bevor man es sieht, ist es sehr deutlich zu hören: Das Loch. Da liegt es, ausgefüllt mit diesem Sound der Maschinen. Vierundzwanzig Stunden mal sieben Tage mal zweiundfünfzig Wochen jährlich. Fünfzehn Jahre wird dieser Sound noch zu hören sein. Anschließend wird man Maschinen hören, welche die Ränder des Lochs als Ufer gestalten. Und dann, vielleicht 2050, wird man Badende hören. Ursprünglich gab es den Plan, das Restloch mit Abraum der anderen Tagebaue zu verfüllen, später erst kam die Entscheidung zu einem See. Wasser lässt sich leichter einfüllen als Abraum und vor allem ist Wasser ein besserer Sehnsuchtsträger. Schon jetzt spricht man bei dem neu ausgewiesenen Baugebiet von dem „See-Quartier”. Und erste Ausflugsattraktionen sind bereits entstanden. Wir fahren hinauf auf die alte Abraumhalde neben dem Loch, zum „Indemann”, einer 36 Meter hohen Aussichtsplattform. Das „architektonische Wahrzeichen” ist nachts illuminiert und dabei doch eher eine „Fernschönheit” – je näher man kommt, um so weniger überzeugt die Gestaltung. Aber das Ding funktioniert. Der Parkplatz ist gut belegt. Die Gastronomie mit  zahlreichen Freisitzen, der Mini-Golf-Platz und der Fußball-Golf-Parcours scheinen gut besucht. So geht „Naherholungszentrum”. Und schon kommt ein Bus angefahren mit einer Gruppe Jugendlicher, die im Laufschritt den Indemann hinaufsteigen. Dessen Aussichtsplattform ist ein wortwörtlicher Aussichtspunkt in die Zukunft. In Gedanken zieht man die zukünftige Uferlinie über die heutigen Äcker. Bis dahin wird sich das Land also in den nächsten vierzig Jahren markant verändern und von hier oben kann man zuschauen. Dabei aber entpuppt sich dieser Turm als Denkfalle: Auch jenseits dieser Linie wird sich die Welt verändern, ebenso markant. Doch diese Veränderungen sind von dem Turm herunter weit weniger zu erkennen. Überhaupt sollte man den kommenden Veränderungen nicht nur distanziert zuschauen. Eben dies ist das Anliegen der Aachener Stiftung Kathy Beys. Seit über 25 Jahren engagiert sie sich in der Region mit beispielhaften Projekten und motiviert die Menschen, die Zukunft selbst mitzugestalten und nicht in der Haltung des Zuschauers oder Mitläufers zu verbleiben. Auch den Umformungsprozess des Tagebaus Inden II begleitet die Stiftung seit über zehn Jahren. Mit vier alternativ beschriebenen „Rückblicken” aus dem Jahr 2050, wie sich die Region bis dahin entwickelt „hatte“, ließ sie beispielsweise Entscheidungsoptionen deutlich werden. Eben nicht: Geht seinen Gang. In einer schön gestalteten Publikation sind die unterschiedlichen Szenarien nachzulesen. Ein besonderes Vergnügen wird es sein, diese Broschüre im Jahr 2050 zu lesen.
Herzlichen Dank an Klaus Dosch für diese Annäherung an den Ausgangspunkt des Denkwegs. Und ab morgen werde ich nur noch gehen.

517 Kilometer sind es bis Regierungssitz. Aber wo werden auch dort die Entscheidungen zur Energiepoltik gefällt?

Blick auf die zukünftige Seefläche. 517 Kilometer sind es bis zum Regierungssitz. Aber werden dort die Entscheidungen zur Energiepoltik gefällt?

 

 

Fossile Technik für fossile Energie

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