Köln Keupstraße

Keupstrasse

29.07., Köln. Vor einigen Tagen erhielt ich einen Anruf von Jürgen Wiebicke. Da war er gerade auf der letzten Etappe seiner vierwöchigen Wanderung. Heute sind wir verabredet in Köln. So treffen also zwei zusammen, von denen der eine vier und der andere neun Wochen durch das Land wandert, um Geschichten und Denkwürdigkeiten zu finden. Jürgen moderiert für den Sender WDR 5 die Reihe Das philosophische Radio. So ist mir diese Begegnung eine wertvolle Anregung für den Denkweg. Entlang geeigneter Etappen werde ich ab und zu seine Sendung via Podcast hören.

Gemeinsam schauen wir uns den CARLsGARTEN an. Dieser entstand 2013 auf Initiative des Schauspiels Köln direkt neben dessen Interimsspielstätte in Köln-Mühlheim. Auf einer zuvor öden Betonfläche sprießen und wachsen in Kisten und Kübeln nun Salate, Kräuter und Gemüse. Jürgen weiß aus eigener Anschauung zu berichten, wie bis dahin dieses Quartier der allgemeinen Stadtöffentlichkeit weitgehend unbekannt war. Erst durch die temporäre Spielstätte und insbesondere durch diesen improvisierten Garten ist hier ein besonderer Ort entstanden. Dabei wurden beim CARLsGARTEN wie auch bei einigen Theaterproduktionen die Bewohner des benachbarten Quartiers einbezogen. Diese Kooperation verknüpft sich insbesondere auch mit der nahen Keupstraße, in die mich Jürgen inzwischen geführt hat. Auf den Gehwegen stehen mehrere Leute zusammen und reden miteinander. Insgesamt nehmen die Menschen in dieser Straße gegenseitig voneinander Notiz. Nicht das schlechteste. Es herrscht eine lebendige Atmosphäre in der Straße. Ebenfalls fällt auf, dass sämtliche Ladengeschäfte genutzt werden von türkischen Läden oder türkischen Restaurants. Jener Pöbel, der zum Beispiel in Dresden-Freital so laut gegen andere Kulturen polemisiert, würde in dieser Straße vermutlich einen ziemlichen Aufreger sehen. In dieser Straße mündete solcher Fremdenhass in einen Terrorakt: 2004 zündeten Mitglieder des selbsternannten »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) in der Keupstraße eine Nagelbombe und verletzten 22 Menschen. Zum zehnjährigen Jahrestag des Anschlags machten 70.000 Besucher, Künstler und die Bewohner Mülheims unter dem Motto »Birlikte – Zusammenstehen« aus dem Tatort einen Ort des gemeinsamen Feierns, Diskutierens und auch Erinnerns. Man kann sich also auch anders begegnen als beispielsweise in Dresden-Freital. Dort hin wird mich meine Tour auch noch führen. Mir wird jetzt schon speiübel, wenn ich mir vorstelle, ich könnte eventuell in eine derartige Szene aus „besorgten Bürgern“ hinein geraten, wie solche im Internet bereits mehrfach mit Videos dokumentiert wurden.

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