Naturpark Rothaargebirge. Hää?

Rothaarsteig-Inszenierung

5.08. Bei Lützel, bei Kilometer 101, „steige ich ein“ in den Rothaarsteig. Drei Tage lang folge ich diesem Weg und diesem Versprechen: „Der Naturpark Rothaargebirge erstreckt sich auf einer Fläche von 1.355 km2 über das Hochsauerland, Wittgensteiner Land sowie über Teile des Südsauerlandes und des nördlichen Siegerlandes. Benannt wurde er bei seiner Gründung im Jahre 1963 nach dem Rothaargebirge, in dem sich der größte Teil der Naturparkfläche befindet. […] Aufgrund seines großen Naturreichtums gilt der Naturpark als einzigartiges Wanderparadies: So erschließt der Rothaarsteig die Kernbereiche des Naturparks und bietet eine echte Herausforderung!“

Für mich das besondere Erlebnis: Drei Tage lang gehen und gehen – immer nur durch Wald. Der Rothaarsteig ist durchgehend hervorragend ausgeschildert und eine Karte ist im Grunde nicht einmal nötig, man folgt einfach den Wegmarkierungen. So gelangen auch die Gedanken leicht ins Laufen. Auf den 55 Kilometer, die ich dem Rothaarsteig folge, quert dieser lediglich fünfmal eine Straße. An diesen Kreuzungen dringen dann auch sofort wieder Motorengeräusche in die Welt zurück – und hierbei wird einem dann gegenwärtig, dass man bis eben sehr lange schon keine mehr gehört hatte. Auch hierüber gelangt man in einen anderen Modus – über mehrere Stunden hinweg keinen einzigen Motor zu hören, ist ungemein entspannend. Dies insbesondere in dem Land, das man bislang als dicht besiedelt und zerschnitten kannte. Das ist es ja auch, aber die andere Seite ist zugleich eben auch noch da. Dies zeigt zum Beispiel der Rothaarsteig. Und hie und da zeigt er auch eine schöne Aussicht oder eine atmosphärisch dichte Waldsituation. Ansonsten ist der Weg aber recht langweilig: Im Kern handelt es sich bei dem „Naturpark” Rothaarkamm um nichts anderes als um quadratkilometerweite Monokultur. Fichte soweit die Füße tragen. Steigt man beispielsweise auf den Rhein-Weser-Turm, zeigt sich von da oben ein Panorama aus Fichte soweit das Auge reicht. Man stelle sich einmal vor, man würde drei Tage lang durch einen einzigen Maisacker wandern und die Touristiker würden einem eben dieses dann als „Naturpark“ verkaufen wollen. Genau so ist es hier – auf schätzungsweise 90 % der Flächen, an denen ich vorbeikomme, stehen Fichten. Man kennt vielfältigere Wälder, auch in Deutschland, lange schon. Oft hörte man in Diskussionen zur Waldbewirtschaftung: „Ja dieser Wald wurde eben noch von den vorangegangenen Generationen der Forstleute angepflanzt, die das Verständnis für naturnahe Wälder noch nicht hatten.” Solche Worte wird man hier erst von der nächsten Generation hören können, auch wenn die Prospekte anderes verkaufen wollen. Um von dieser Falsch-Etikettierung abzulenken, gibt sich die Region nicht nur in Broschüren viel Mühe: Egal was gebaut wird – wichtig ist, dass es mit Fachwerk-Oberfläche verblendet wird. Von Außen muss alles irgendwie alt und überliefert aussehen. Innen legt man dann aber schon großen Wert auf zeitgemäßen Komfort. Die global reiseerfahrenen Touristen wollen den Standard, an den sie sich gewöhnt haben, auch hier geboten bekommen.

Jedes touristisches Ziel ist immer auch eine Inszenierung. In Relation zu anderen Destinationen ist die Inszenierung des Rothaarsteigs noch eine recht annehmbare. Allerdings würde man sich eben sehr wünschen, dieses Design würde über die Gestaltung von Oberflächen hinausreichen. Gewünscht hätte ich mir beispielsweise ein Frühstücksei von freilaufenden Hühnern, an denen ich dann des Tages noch vorbeiwandere. Oder eine Speisekarte mit Bio-Produkten aus der Region, wie etwa ein Rindersteak von einem örtlichen Bauer, dessen Kühe ich auf der Weide sehen könnte. Oder wie wäre es, wenn in der Dorfmitte nicht ein altes Backhaus simuliert, statt dessen aber in dem Dorf tatsächlich noch eine Backstube in Betrieb wäre, dessen Brötchen dann zum Frühstück gereicht würden. Eine Brotsorte wäre dabei ausreichend. Das wäre dann eine echte Differenz-Erfahrung zu dem Alltag in den Städten.

Solche Ansätze werden in anderen Urlaubsregionen bereits umgesetzt. Man könnte also auch noch weiter gehen. Für Wanderer leicht nachvollziehbar ist die Vorstellung, der ein oder andere Ort links und rechts des Rothaarsteigs wäre für Touristen nicht mit deren eigenen PKW zu erreichen, sondern nur über Rufbus oder ähnliches – wie dies beispielsweise auf Hiddensee und einigen Nordseeinseln seit Jahrzehnten der Fall ist. Das Außergewöhnliche der Urlaubstage, die im Kern gesuchte Differenzerfahrung zum Alltag, die bestünde dann in einem bewussten Mobilitäts-Entzug – und in den Vorzügen, die nur solche konsequent verkehrsberuhigten Orte bieten können. Für Weitwanderer liegt ein solcher Gedanke denkbar nahe. Und immerhin: Der Mobil-Telefon-Entzug funktioniert in dieser Region schon recht gut. Er wird bislang nur noch nicht vermarktet. Doch zu dieser Region gehören eben nicht nur Wanderwege und Wanderer: Die Taktzahl und die Umsatzziele werden an anderen Orten definiert, zum Beispiel in Winterberg. (Zu diesem Ort mehr im nächsten Kapitel.)

Forstweg alias Rothaarsteig image Rhein-Weser-Thurm image image image Fichten-Panorama image image Fachwerkblende Fachwerk for ever! Was war „Waldsterben“? Zukunft Fichte image image

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