Siegen. Von hinten.

Siegtal

3.08.; Ankunft in Siegen. Annähernd 30 Kilometer wandere ich heute, durch kleine Dörfer und Weiler, über kleine Straßen, Wald- und Landwirtschaftswege. Auch ganz schmale Pfade sind darunter. Einmal muss ich einige Meter wieder zurück, weil ich den auf der Karte eingezeichneten Weg zuerst gar nicht erkennen konnte, so schmal und unscheinbar ist der Pfad. Diese Welt gibt es also auch noch. Und dann eine solche Ankunft; der Kontrast könnte nicht deutlicher sein. Der erste Eindruck von Siegen wird dominiert durch die Siegtalbrücke. Diese etwa hundert Meter hohe Autobahnbrücke spannt sich einen Kilometer weit über das Tal. Erbaut wurde sie 1964-69. Für den überwiegenden Anteil der heutigen Siegener Bevölkerung ist sie somit „immer schon da“. Was könnte man da also noch dazu sagen?

Am folgenden Tag durchstreife ich diese Stadt von Süden nach Norden. Was mir dabei begegnet, ist sehr oft die Fortsetzung der Geste der Siegtalbrücke: Alles ist machbar. Wo ich auch entlang komme, stets erblickt man die Anpassung der Stadt an das System Auto. Durch ihre ausgeprägte Topografie ist die Stadt Siegen für eine solche Anpassung denkbar ungeeignet. Zugleich aber bringt diese Topografie auch einige Vorzüge der Automobilität besonders deutlich zum Ausdruck. Und für die Lösung der baukonstruktiven Probleme findet sich immer ein Ingenieur. Was also könnte man da noch sagen?

Zur Überwindung von Sprachlosigkeit ist es mitunter hilfreich, einfach einmal aufmerksam hinzuschauen. Oder auch, einen etwas anderen Blickwinkel zu suchen. Dieser Gedanke führt mich durch diese Stadt. Ein Vorzeigeprojekt will ich gerne beim nächsten mal besichtigen – heute suche ich den „Blick von hinten“ auf den Alltag. Mit am eindrücklichsten wirkt auf mich eine Situation in einer kleinen Nebenstraße der Altstadt: Zwei direkt benachbarte Häuser haben eine jeweils gleich große Vorfläche. Das eine mal stellt sich diese dar als liebevoll gestalteter Vorgarten. Im anderen Beispiel dient die Fläche zum Abstellen eines (geliebten) Autos. Schöner kann man die Frage „Wie wollen wir leben?“ nicht illustrieren.

Eine zweite Methode zur Überwindung von Sprachlosigkeit ist Lesen. Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen, lese ich zur Zeit (soweit zwischen dem Wandern hierfür Muße bleibt). Dieses „Manifest für eine andere Zukunft“ wurde verfasst von dem an der Universität Siegen dozierenden Politikwissenschaftler und Philosoph Michael Hirsch. Mit seinen Gedanken im Ohr (Sendung BR2) durch die Stadt zu gehen, eröffnet ebenfalls anregende Blickwinkel.

”Die fortschrittliche Frage ist nicht, wie wir das gegenwärtige Niveau des Wohlstands und die gewohnten Verhaltensweisen, Ordnungen und Normalitäten bewahren können (…). Die Frage ist vielmehr, wie wir die Gesellschaft progressiv verändern können. Es kann heute nicht mehr um die Erhaltung einer als Normalitäts-Maßstab empfundenen Vergangenheit gehen. Es geht vielmehr um einen Bruch mit den Gewohnheiten des Lebens und Denkens; es geht um Ideen für eine bessere Zukunft. (…) Der völlige Bankrott der Funktionäre in Politik, Kultur und Medien, der völlige Mangel an Ideen ist so unübersehbar, dass die größte Gefahr darin besteht, sich daran zu gewöhnen. Gegen diese politische und kulturelle Apathie gilt es anzukämpfen. Mit anderen Worten: es geht um die Rückeroberung der Macht: um den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Es geht um die Eroberung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Macht durch die Bürger: der Macht, die Probleme zu definieren, die wichtigen Fragen zu stellen, und sich selbst für ihre Beantwortung zuständig zu fühlen.“

Vorgarten_oder_Stellplatz

Schöne Aussicht

An der Sieg

Stadtstraße

Balkone & Vorgärten

Häuser wo für

Wege

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