Wahn-Bachtal-Sperre

Wahn-Sperre

1.08. Bislang verlief die Strecke weitgehend durch Ebenen und die einzigen Berge waren die künstlichen Halden. Doch ab heute wird es anders. Ab jetzt wird es auf und ab gehen durch sehr ländliche Gegenden. Nach zwei Wochen Gehen spüre ich das erste Mal ein paar „Wehwehchen“ an den Füßen. Und zum ersten Mal ist es heiß. Doch wenn es nicht schlimmer wird, ist alles gut. Kein Grund zu irgend­einer Klage! Besondere Attraktionen stehen für die nächsten Tage erst einmal keine auf dem Plan. Es gilt also, dem Zufall seine Chance einzuräumen.

Gestern wanderte ich durch die Wahner Heide und heute nun, von Altenrath kommend,  stoße ich auch noch auf die Wahn-Bachtal-Sperre; In der Kurzform lautet der Name nur: Wahn-Sperre! Klingt ja allmählich gefährlich, denk‘ ich mir so. Ich wage es dennoch, setze mich zu einer Rast nahe ans Ufer. Und dann, schon nach wenigen Minuten, ertappe ich mich, wie ich in Gedanken so eine Art Doppel-Selbstgespräch mit mir selbst führe:

Ich: Also wenn mich jetzt jemand fragen würde.
Das andere Ich: Na wo willst Du denn hin?
Das normale Ich: Nach Zittau.
Das andere: Und da kommst Du hier vorbei? Hier ist doch gar kein Wanderweg.
Ich normal: Doch. Hier verläuft der Denkweg.
Das: Kenn ich nicht.
Ich: Kannst Du auch nicht. Denn der Weg entsteht ja auch gerade erst.
Das: Versteh ich nicht.
Ich: Jetzt, im Moment, indem ich hier entlang gehe, entsteht der Denkweg.
Das: Aha. Das klingt ja, als wärst Du auf deinem Walkabout. So wie die Aborigines in Australien.
Ich: Nicht die schlechteste Idee. Ich singe aber nicht während dem Gehen. Und ich folge auch nicht der Vorstellung von einer Heimat, die sich nicht ändern dürfte.
Das: Welcher Erzählung läufst Du denn dann hinterher, hier in Hessen?
Ich: Frag mich nochmal, wenn ich in Zittau angekommen bin. Im Moment weiss ich es auch noch nicht so genau. Während dem Gehen wird die Idee schon noch klarer werden. Vielleicht wird es ja ein „Aufwachpfad“, aber sicher nicht ein derartiger Traumpfad, wie solche in Zeitschriften wie „Schönes Land“ traumfantasiert werden.
Das: Bei uns ist die Landschaft ja auch total zersiedelt und von Bahnlinien, Autobahnen und Stromleitungen durchschnitten. Wie sollte man da einen Walkabout überhaupt hinbekommen können.
Ich: Genau da wird es jetzt spannend, führt der Pfad ins Offene. Man darf nur eben nicht den Vorstellungen und Bildern unserer Vor-Vor-Vor-Generationen nachlaufen.
Zwischenruf aus dem OFF von Lucius Burckhardt: Die Landschaft entsteht doch erst im Kopf. Landschaft ist eine Konstruktion.
Ich: Oder anders: Auf ein und derselben Fläche gibt es viele Landschaften zugleich. Und je nachdem, wie wir uns fortbewegen, kommt dabei das eine oder das andere Bild zum Vorschein. Beispielsweise in der Landschaft, durch die ich in den letzten Tagen gewandert bin, da gibt es fast nur kleine Straßen und Feldwege. Ich konnte stets den Wind hören und auch viele Tiere konnte ich hören. In dieser Landschaft des Wanderns hört man zwar noch nicht das Gras wachsen, aber man kann das Geräusch einer grasenden Schaf- oder Kuhherde hören. Ich hatte dieses Geräusch schon so lange vergessen. Jetzt ist es wieder da. Und da ist jetzt plötzlich eine Ähnlichkeit zu den Songlines – indem man da lang geht, erklingt jene Landschaft erneut, die wir inzwischen vergessen hatten.
Das: Na, und sobald Du fährst, sei es Fahrrad, Motorrad, Zug oder Auto, da hörst Du diese Geräusche natürlich nicht mehr.
Ich: Ja. Und ebenso verhält es sich mit Gerüchen, Schatten und anderem. All das ist dann sogleich aus der erlebten Realität verschwunden. Obwohl – es ist ja aber trotzdem immer noch da.
Zwischenruf aus dem OFF von Bruce Chatwin: Die Menschen müssten mehr denn je lernen, ohne Dinge zu leben. Dinge erfüllen die Menschen mit Furcht: Je mehr Dinge sie besitzen, um so mehr haben sie zu fürchten.
Das: Und bei so einem Walkabout-Aufwach­pfad-Denkweg-Odersonstwas kommen solche Erfahrungen wieder in die Landschaft zurück?
Ich: Auch das. Ich muss jetzt aber weiter.
Das: Ich bleib dir auf den Fersen.

[Gestern Abend blieb eine Flasche Bier übrig und ich konnte sie einfach nicht stehen lassen. Nach dieser Pause ist sie jetzt leer, sie wog ja auch schwer. Die ersten hundert Meter nach der Pause sind mal wieder die schwersten des Tages. Ansonsten passt es heute ganz toll: 30° Celsius und 30 Kilometer Tagesetappe.]

Dienstweg

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