Wahner Heide

Schafe

31.07.; Von Troisdorf nach Altenrath führt die Route durch die Wahner Heide. Sämtliche Zugänge zu diesem Naturschutzgebiet sind deutlich markiert. Es handelt sich dabei um ein seit etwa zweihundert Jahren als Truppenübungsplatz genutztes Areal. Erst seit wenigen Jahren ist es auf vorgegebenen Wegen für die Bevölkerung wieder zugänglich. Bestimmte, sogenannte „Rote Zonen“ bleiben jedoch weiterhin unbetretbar wegen vermuteter Munitionsreste und eventueller  Blindgänger. Es ist ein eigenartiger Spaziergang: Der Mischwald mit seinen verschiedenen Altersstufen im Wechselspiel mit den offenen Heideflächen geben ein malerisches, friedvolles Landschaftsbild. Wie auf Bestellung zieht gemächlich eine Herde aus Schafen und Ziegen durchs Bild. Und schon stehe ich fast mittendrin in der Herde. Der Hund des Schäfers ist ganz zutraulich und streicht mir mit seinem flauschigen Fell um die Beine. Doch dann sind da eben auch immer wieder diese Schilder: „Extreme Munitionsbelastung! Absolutes Betretungsverbot!“ Nur die Schafe und das Wild wissen von alledem nichts.
Plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, ziehen zwei mächtige Hubschrauber im Tiefflug mehrfach im Kreis über das Gelände. Von weitem ist eine dumpfe Detonation zu hören. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei und die Stille kehrt zurück. Unweigerlich muss ich an die Arbeiten des Gartenkünstlers Ian Hamilton Finlay und sein „Little Sparta“ denken. Inspiriert von seinen Arbeiten könnte man sich das soeben erlebte auch als eine großartige Landschaftskunst-Inszenierung vorstellen. Für den Moment dieser Vorstellung verliert es seinen Schrecken. Doch sehr viel wahrscheinlicher war es ein tatsächlicher Übungsflug, die Vorbereitung auf den Ernstfall, die Fortsetzung einer zweihundertjährigen Nutzung.

Schließlich erreiche ich Altenrath und finde dort ein Zimmer im einzigen Hotel am Ort. „Wegen der Ferienzeit gibt es kein Frühstück”, erklärt mir der Hotelier. Es scheint, ich bin der einzige Gast. Das zum Hotel gehörende Restaurant ist geschlossen. Zum einen hätte der Koch gekündigt und es sei kein neuer zu bekommen, zum anderen lohnte sich der Restaurantbetrieb zuletzt auch nicht mehr. „Ein Ort, der seinen Wirt nicht ernährt, der solle sich was schämen”, zitiert der Hotelier einen alten Spruch. Der Ort sei nur noch eine bloße Schlafstadt. Einzig eine Getränkehandlung gibt es noch und einen Bäckerkiosk, der täglich drei Stunden öffnet. Im Hotel liegen etliche Prospekte eines Pizza-Taxis. Auf die Lieferung meiner telefonischen Bestellung muss ich nicht länger warten als so manches mal in einem Restaurant. Der Hotelier hat das Pizza-Taxi bemerkt, bringt mir sogleich Besteck aufs Zimmer und wünscht guten Appetit.

In der Nacht halte ich das Fenster geschlossen, da mir die permanente Geräuschkulisse der nur einen Kilometer entfernten Autobahn zu störend ist. Hinzu kommt der Fluglärm des etwa drei Kilometer nahen Flughafens Köln/Bonn. Und dann gibt es dort auch noch die Luftwaffenkaserne Köln-Wahn. Das Militär hat sowieso eine sehr besondere Bedeutung für diesen Ort. Zwischen 1913 und 1915 weitete sich der Truppenübungsplatz, den ich an diesem Tag durchquert habe, bis in die Nähe der Ortschaft aus. Die Heimatfront des ersten Weltkriegs forderte Tribut; in Altenrath und Umgebung mussten sechzig Wohnhäuser geräumt werden. Das Ende der Ortschaft brachte dann die Kriegsplanung der Nationalsozialisten. An alle Einwohner erging 1936 ein Räumungsbefehl. Altenrath hatte anschließend faktisch aufgehört zu existieren. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine Wiederbesiedlung von Altenrath. 1951 begann man – bezeichnenderweise – mit dem Bau von Kasernen für belgische Soldaten. (Quelle: troisdorf.de; 01.08.15)

Schäfer

Herde

Rote Zone

Altenrath

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