Wartburg: Gebaute Erinnerung

Wartburg

23.08. Eisenach. Der Weg hinauf zur Wartburg ist alle paar Meter mit einer Geschichtstafel zu Martin Luther markiert. Bekanntlich verweilte er hier einige Zeit. (Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise fürchtete um das Leben Luthers und ließ ihn zu dessen Sicherheit auf die Wartburg entführen. Hier hielt sich Luther dann zehn Monate lang unter dem Namen „Junker Jörg“ versteckt.) Besondere Bedeutung erhielt dieser Aufenthalt durch die während dieser Zeit von Luther erarbeitete Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, was als sein Hauptwerk betrachtet wird. Da verwundert es nicht, wenn bei dem 500-jährigen Reformationsjubiläum Luther2017 auch der Wartburg eine größere Rolle zukommt. Eine besondere Bedeutung hat dabei zweifelsohne das „Lutherzimmer“, gleichwohl in dem einstigen, spartanisch eingerichteten Quartier nicht viel zu sehen ist: Allein der Fußschemel ist original erhalten, ein Walfisch-Wirbelknochen. Seltsam genug. Besonders markante Spuren der Zeit zeigt aber die Wandvertäfelung dieser Kammer: Zahlreiche Besucher haben ihre Initialen in die alten Holzbretter eingeritzt, was diesen eine eigenartige Patina verleiht und auch etwas über die Geschichte dieses Raumes erzählt, eben über die Zeit nach Luther. Ich allerdings widerstehe dem Impuls, meine Initialen zu hinterlassen.

Bereits Johann Wolfgang von Goethe gab die Anregung, die Wartburg als Museum zu gestalten. Und ab 1853 erfolgte der Umbau bzw. Wiederaufbau der Burg. So wurde beispielsweise der Bergfried wieder aufgebaut, der in den Jahrhunderten zuvor abgebrochen worden war und der heute das Erscheinungsbild der Burg sehr stark prägt. Auch die besonders beeindruckenden Mosaiken in der Elisabethkemenate wurden erst in den Jahren 1902-06 von dem Maler und Mosaikkünstler August Oetken erschaffen. Dieser Raum erinnert nicht an Luther, sondern an die Landgräfin Elisabeth von Thüringen – welche insbesondere von der katholischen Kirche verehrt wird. (Als ihr Gemahl Ludwig IV. von Thüringen 1227 bei einem Kreuzzug ums Leben kam, widmete sich Elisabeth einem Leben in Armut und im Dienst an den Armen und Kranken, wofür sie nur wenige Jahre nach ihrem frühen Tod heilig gesprochen wurde.) Meine Aufmerksamkeit indessen stolpert über die sehr unauffällige elektrische Ausleuchtung der Elisabethkemenate. Die Stromleitungen sind alle unsichtbar und ohne Spuren unter Putz verlegt, stammen aber wohl kaum aus der Zeit um 1900. Diese Wände bilden also alte Zustände ab, zeigen selbst aber keine Spuren der Zeit. Dies erzeugt eine merkwürdige Atmosphäre, als wäre der Raum tot oder tiefgefroren – extraterrestrisch. Als Besucher steht man zwar mitten im Raum, ist zugleich aber doch unerreichbar von diesem distanziert. Was also ist es, was die zahlreichen Touristen aus aller Welt hier täglich besichtigen? Ist dies ein originaler Ort der Geschichte? Oder handelt es sich bei der Wartburg doch eher um eine gebaute, dreidimensionale Darstellung von Geschichte – hinter der sich jeweils auch eine gezielte Absicht verbirgt? Das, was man manchmal „das kollektive Gedächtnis“ nennt, hat an diesem Ort eine katholische und eine protestantische Ausprägung. Jede Konfession hat dabei ihre „Figur“, mit der sie die Geschichte der Wartburg auf besondere Weise in Anspruch nimmt. Und dann gibt es da auch noch die Geschichts-Folie des Wartburgfestes von 1817, das von der Jenaer Burschenschaft anlässlich des 300-jährigen Reformationsjubiläums initiiert wurde. Dieses Ereignis markiert diesen Ort mit der Forderung nach demokratischen Bürgerrechten, nach Freiheit und Gleichheit aller Deutschen, aber zugleich auch mit einer Bücherverbrennung und mit offen artikuliertem Antisemitismus. „Bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren!“, urteilte seinerzeit Heinrich Heine. Im Rahmen einer Burgführung ist im großen Festsaal die Fahne der Jenaer Burschenschaft zu sehen. Die Fahne wird dabei besprochen als „das Wichtigste in diesem Raum“; der Festsaal selbst geschildert als „Historismus in seiner vollendetsten Form“. Man ahnt es schon, die Bücherverbrennung und die antisemitischen Drohungen, die mit dem Wartburgfest einhergingen, bleiben während der Führung völlig unerwähnt. Die sprachlich brillante und fundiert wirkende Touristenführung verkürzt die Wartburg auf ein Symbol für „900 Jahre positive deutsche Geschichte“, auf eine anekdotenreiche, unterhaltsame Pseudo-Geschichtsstunde. Das ist es also, was hier oben zu besichtigen ist: Die Geschichtsschreibung wird sichtbar als eine Konstruktion, die je nach Großwetterlage von Interessen beeinflusst oder schon auch einmal neu geschrieben wird. Bezeichnenderweise erscheint mir bei meinem Besuch just die Kammer der Eseltreiber als der am ehesten noch authentisch gebliebene Raum. Er verbindet sich mit keiner großen Erzählung, steht eher für die Geschichte des ganz „kleinen Mannes“, die nur selten in Büchern festgehalten wurde, obgleich auch er an jedem Fürstenhof zugegen war. Dass auch heute noch am Fuße der Wartburg eine Eselstation anzutreffen ist, böte eine lebendige Gelegenheit, die Lücken der Geschichtsschreibung darzulegen, was jedoch nicht genutzt wird.

Nach „900 Jahre positive deutsche Geschichte“ habe ich erstmal genug gehört und ziehe mich zurück in mein „Lutherzimmer“ im Wartburghotel. Nach der letzten Übernachtung in  der Pilgerherberge in Eisenach gönne ich mir heute eine Nacht auf der Burg. Allerdings vermisse ich im Zimmer den Fußschemel. Nun ja, Walfischwirbel sind heutzutage vermutlich nicht so leicht zu bekommen wie ein Flachbildfernseher, der mir hier allerdings denkbar überflüssig erscheint. Das „Fernsehen“, das sich hier bietet, wenn man durch das Fenster schaut, also das Sehen in die Ferne über die Wälder hinweg, das ist hier das Besondere. Wie wohl Luther aus seiner Kammer heraus über diese Wälder geblickt hat?

Früh am Morgen bin ich der erste Gast beim Frühstück und für eine halbe Stunde habe ich die Burg für mich alleine. Nur schon dafür hat sich die Übernachtung hier oben gelohnt. Bei der anschließenden Schlüsselrückgabe wird mir ungefragt angeboten, ich würde sogleich zum Parkplatz zu meinem Auto gefahren – es beziehen wohl nur wenige Wanderer hier ein Quartier. Und so spüre ich beim Verlassen des Hotels für einen Moment auch eine Nähe zur Landgräfin Elisabeth: Auch sie kam mit dem gesteigerten, höfischen Luxus auf der Wartburg nicht zurecht und kehrte ihm den Rücken. Ich bin nun richtig heiß darauf, endlich wieder zu gehen, Strecke zu machen. Was allerdings nicht so recht gelingt. Viel zu oft muss ich stehen bleiben, um den Wald und den Weg zu fotografieren. Und mein Kopf hinkt enorm hinterher. Während meine Beine wieder auf dem Rennsteig flott in Richtung Großer Inselsberg wandern, ist mein Kopf immer noch auf der Burg: Wie würde sich wohl Friedrich der Weise heute verhalten? Angenommen er wäre unser Bundespräsident – würde er dann beispielsweise Edward Snowden im Schloss Bellevue verstecken? Und welcher jener Orte, die ich bislang entlang des Denkweges aufgesucht habe, werden wohl Eingang finden in das kollektive Gedächtnis (oder werden kollektiv vergessen werden)? Vielleicht die Forster Linde, die schon ein stattlicher, alter Baum war, als Luther das Neue Testament übersetzte? Oder der ausrangierte Atomreaktor in Jülich? Die Salzhalde und Kaligrube bei Heringen?

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