Winterberg goes Las Vegas

Winterberg Las Vegas

9.08.; Winterberg. Das Wetter meint es gut mit mir: Bei meinem frühen Aufbruch liegt der Ort eingehüllt in dichtem Nebel. So bleibt es mir erspart, Winterberg ein zweites Mal anzusehen. Vielleicht klingt das wenig freundlich – es ist aber nun einmal das, was ich empfinde. Glaubt man der Geschichtsschreibung, so herrschte in der Gegend um den Kahlen Asten früher ziemliche Armut. Karge Böden, steile Hänge und die sehr lange Vegetationspause garantierten eine karge Küche. Diese natürlichen Umweltbedingungen sind immer noch dieselben – hingegen das Bild von wirtschaftlicher Armut begegnet einem heute am Kahlen Asten und in Winterberg nicht. Die Wende kam mit der Erfindung des Wintertourismus, insbesondere ab 1906, als der Ort an die Eisenbahn angeschlossen wurde. Von da an „fällt mit jeder Schneeflocke ein Taler“, wie es in Heimatgeschichtsbüchern volkstümlich umschrieben ist. Doch bald auch merkt man, fällt in einem Winter einmal weniger Schnee, so fällt auch weniger Gewinn ab. Abhilfe schaffte die Technik: Im Winter 1966/67 wurden die ersten Schneekanonen zur künstlichen Beschneiung der Skipisten eingesetzt. Heute gibt es derer viele. Auch viele Hotels und Restaurants sind entstanden. Und wo die nun einmal da sind, wollen diese Betriebe auch im Sommer lukrative Geschäfte machen. Neue Attraktionen und Freizeitangebote müssen also her: Sommerrodelbahn, „Kiss the Sky“-Trampolin, Panorama-Erlebnis-Brücke, Kletterwald-Erlebnis-Parcours oder auch die Bimmelbahn-Rundfahrten sind für die Sommersaison errichtete „Erlebnisse“. Die „Tubing-Bahn“, der „Bikepark“ mit zehn Kilometer Abfahrtsstrecken wie auch das Downhillcart Bullracer, „das durch sein außergewöhnliches Fahrwerk einen sehr hohen Spaßfaktor hat“, verlängern die Auslastung vorhandener Liftanlagen über die Sommermonate hinweg.

Noch gleicht Winterberg nicht den Bildern, die man von hochalpinen Skizentren kennt. Doch auch hier schreibt sich dieses Spektakel in die Landschaft ein. So wandere ich entlang riesiger Parkplätze, komme vorbei an zahlreichen eingepackten Schneekanonen und vielen Liftanlagen. Dabei lässt mich ein Gedanke nicht los; dieser Winter-Berg (und all die anderen auch) sind untrennbar mit zwei Arten von Orten verknüpft, an denen der Denkweg mich bereits entlang führte: Der Treibstoff, den all diese sportiven Aktiv-Urlauber während ihrer Autofahrt zum Zielort benötigen, wird aus der Ferne herbeigeschafft und in einer Raffinerie aufbereitet, wie beispielsweise in Köln-Wesseling. Und der elektrische Strom, der benötigt wird, um all die Lifte und Spaßeinrichtungen anzutreiben, kommt aus Kraftwerken, beispielsweise aus den Braunkohlekraftwerken zwischen Aachen und Köln. Das heutige Winterberg ist nicht zu haben ohne diese anderen Orte – mit wiederum all deren ebenfalls ausgeblendeten „Nebenfolgen“. Sichtbar wird dies hier am Ort des Spektakels natürlich nicht. Und sollte jemand die Spaßgesellschaft auf diesen Zusammenhang aufmerksam machen, so stellt sich diese Person sogleich selbst ins Abseits: Spielverderber. Wer möchte schon vorgeschrieben bekommen, wie man sich zu amüsieren hat! Die ausgeblendeten Zusammenhänge bleiben aber dennoch bestehen und wirksam! Wegschauen und Verdrängen beantwortet keine Fragen: Was bedeutet es für Einwohner und Besucher, wenn das ganzjährige Spektakel als zentralstes Merkmal für die Identität einer Stadt übrig bleibt? Wie kann man die Bewohner einer Region für Nachhaltigkeit und einen konsequenten  Klimaschutz gewinnen, wenn der ökonomische Aufstieg dieser Region wesentlich auf dem bedenkenlosen Verbrauch von Ressourcen gründet?

Ich fand gestern Abend noch einmal etwas Muße zum Lesen. Michael Hirsch hat mit seinem Manifest für eine andere Zukunft auch eine treffende Beschreibung von Winterberg geliefert:

Tief in ihrem Inneren sind die meisten überzeugt, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Wir wissen zwar, dass `Es so nicht weitergehen kann´; aber tief drinnen glauben wir, dass es immer so weitergeht und immer besser wird. Der – nicht nur durch die bei Fortsetzung des gegenwärtigen  Wirtschafts-Wachstumsmodell unaufhaltsame Erderwärmung längst widerlegte – plumpe Fortschrittsglaube ist in Wahrheit ungebrochen. Er ist noch immer die Grundlage unseres Gesellschaftssystems, die magische Konsens-, Kompromiss und Zielformel der gesellschaftlichen Entwicklung. Um eine fortschrittliche Alternative zum gegenwärtigen Entwicklungsmodell überhaupt denken zu können, müssen wir uns zuallererst von diesem Fortschrittsglauben lösen. Dazu reicht ein bisschen Wachstumskritik und ein bisschen Reden von `qualitativem Wachstum´ nicht aus.

Folgt man Michael Hirsch und anderen kritischen Geistern, dann ist es gerade jene Spaßgesellschaft, die das Spiel verdirbt für die nachkommenden Generationen. Je mehr man nun dieser Perspektive folgt, umso unerträglicher werden solcherlei Orte wie Winterberg.

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