Zittau

Zittau Altstadt

22.09.; Nach etwa neun Wochen Wandern komme ich nun also an bei Z wie Zittau. Das Z steht somit also nicht für Z wie Ziel – denn der Weg, das Unterwegs-Sein war ja von vornherein das Ziel. Dieses hatte ich somit bereits tagtäglich erreicht.

Doch zu Zittau: Wie in vielen besuchten Orten, so wird auch hier sogleich deutlich, diese Stadt hat es nicht leicht. Zahlreiche alte Gebäude zeigen deutliche Anzeichen der Vergänglichkeit. Wiederum andere historische Gebäude erscheinen in fein saniertem Zustand, als könnte ihnen die Zeit nichts anhaben. Damit sind wir auch schon angekommen bei dem Objekt, das seit einigen Jahren als ganz großes Thema die touristische Selbstdarstellung dieser Stadt bestimmt: Das Große Fastentuch.
Und weil es sich eben so geziemt, schaue auch ich mir diese Attraktion an. Dabei erinnert mich das Fastentuch sogleich an die von Michael Thomson beschriebene Theorie des Abfalls. Nach dieser Theorie vollzog das Fastentuch wiederholt eine Verwandlung; von einem vergänglichen Objekt wechselte es in den Status Müll, um letztlich doch noch ein unvergängliches Objekt zu werden:

1472 wurde das Zittauer Tuch von einem „unbekannten Meister“ erschaffen und diente dazu, während der Fastenzeit den Altarraum zu verhängen. In dieser Phase war es ein „vergängliches Objekt“ und es besaß einen nur mittelmäßigen Wert. Dies lässt sich nachlesen in dem Buch, das in der Ausstellung ausliegt: „Die Fastentücher gehören zu den zeitlich begrenzt genutzten liturgischen Einrichtungen einer Kirche. Daher ist ihre künstlerische Qualität von Einfachheit gekennzeichnet. Oft haben sie einen volkstümlichen Charakter. Das ist auch beim alten Zittauer Tuch der Fall. Sein malerischer Wert ist nicht der höchste.“
Dann, eines Tages, wechselte das Objekt seine Kategorie: es wurde zu Abfall. Wie in der Ausstellung zu hören ist, bewertete Martin Luther die Fastentücher als „päpstliches Gaukelwerk“. Nicht etwa durch Abnutzung oder einen technischen Defekt, sondern durch eine veränderte kulturelle Bewertung wurde das an sich nach wie vor brauchbare Tuch wertloser Abfall. Möglicherweise hatte es sogar negative Eigenschaften bekommen; vielleicht war es zur betreffenden Zeit gar besser, in der Kirche war kein Fastentuch auffindbar. (In einem ähnlichen Sinne, wie man im Juni 1945 besser kein NS-Parteibuch besaß.) Dies würde erklären, warum das Zittauer Tuch außerhalb der Kirche versteckt wurde und lange Zeit als verschollen galt. In dieser Phase war das Fastentuch vermutlich noch gut erhalten, jedoch komplett wertlos, nicht sichtbar und quasi nicht mehr existent. Eine markante Verwandlung erfolgte mit Ende des zweiten Weltkrieges, als russische Soldaten das Tuch fanden – und darin lediglich ein geeignetes Baumaterial erkannten. Sie zerteilten das Tuch und verwendeten es im Wald für eine Sauna. Durch diese Nutzung wurde die Malerei auf dem Tuch sehr stark beschädigt, wurde in Teilen sogar fast unkenntlich. Als später ein kundiger Holzsammler in der Sauna das Zittauer Tuch entdeckte, wurden die Teile geborgen und wiederum eingelagert. Doch erst nach der politischen Wende 1989 gelangte die Nachricht über das wieder aufgefundene Tuch und über den 1945 erfolgten „Kulturfrevel“ an die Öffentlichkeit. Die Schweizer Abegg-Stiftung klassifizierte das Tuch als ein „Kunstwerk von Weltgeltung“ und restaurierte es aufwendig. Eigens wurde die Zittauer Kirche zum Heiligen Kreuz zu einem Museum umgerüstet. In der „größten Museumsvitrine der Welt“ ist hier das Fastentuch seit 1999 nunmehr nicht nur zur Fastenzeit, sondern das ganze Jahr über zu besichtigen – nicht etwa als ein malerisch wenig anspruchsvolles Ersatzbilderwerk für den verhängten Altar, sondern als alleinige Attraktion dieses Museums, als „einzigartig in Deutschland und bedeutend für Europa“ (zitiert aus Werbeprospekt).

Was aber sehen denn nun die Betrachter in der Ausstellung? Vermutlich folgen sie eher einem inszenierten Ritual (dem auch ich brav folgte), als dass sie tatsächlich etwas erkennen. Wird ihnen (nach Luther) etwas vorgegaukelt? Worin liegt die Besonderheit? Ich beispielsweise würde mir für die viel ältere und tatsächlich lebendig erhaltene Forster Linde in Aachen eine solche Aufmerksamkeit eher wünschen.
Und doch: Mir gefällt dieser Trick, wie aus etwas Vergänglichem zunächst Abfall und schließlich etwas Unvergängliches wurde. Das Projekt Freiraum Zittau e.V. versucht, diese Strategie auf ein Gebäude anzuwenden, das bereits zwanzig Jahre leer stand und stark von Verfall gekennzeichnet war. Nach dem Prinzip der Wächterhäuser vermittelt der Verein günstigen Raum für Kunst und Kulturschaffende und zugleich wird das Gebäude hinüber gerettet, bis es eines Tages in den Status „dauerhaft“ wechselt.

Industriedenkmal offene Zukunft
eingezwängt Malerviertel

Rathaus Wächterhaus
Dreiländereck

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