Gehen um zu verstehen

Über mehrere Tage hinweg gehen, gehen, gehen. Einmal wenigstens musst Du dies tun: Das Land, in dem Du zu Hause bist, zu Fuß durchqueren.

Wer dieses Land verstehen will, muss es auch selbst aufsuchen. Zu Fuß! Am besten Du folgst dabei einer Querschnittsroute, beispielsweise von A bis Z – von Aachen bis Zittau entlang dem Denkweg. Dabei wirst du nicht nur dich selbst, sondern auch das dir vermeintlich bekannte Land noch einmal anders kennenlernen. Eine solche Querschnittswanderung trainiert die eigene Beobachtung als unmittelbaren Zugang zum Verständnis der Welt. Vieles lässt sich eben nicht oder nur ungenügend in Fotos, Videos, Karten oder Zahlen vermitteln. So manches wird erst verständlich, durch das eigene am Ort sein.

Nur zu Fuß erschließt sich das Spazierwissen und jene Schönheit, die in der Vielfalt der Wege gründet.

[ Die Idee zum Denkweg wurde 2015 formuliert von Bertram Weisshaar. Um den Denkweg zu etablieren, braucht es viele, die zu diesem Prozess beitragen möchten. Auch diese Personen sollen mit dieser Internetseite erreicht werden. ]

Waldweg. Sonnenstrahlen im Gegenlicht.

Der Mineraloge und Botaniker muss zu Fuße reisen, das erfordert sein Studium. Allein seit einiger Zeit sind die Reisen zu Fuße in Deutschland auch bey andern Personen Mode geworden, die, ohne eben Mineralogen und Botaniker zu seyn, sie sehr bequem und behaglich fanden. […] Fußreisen gehen freilich langsamer, als Extrapostflüge, allein man genießt auch des Weges doppelt, lernt die Naturschönheiten des Landes besser kennen und bekommt herrlichen Appetit. Mancherley kleine, zum Theil äußerst angenehme Zufälle und Abenteuer stoßen dem Fußgänger auf, wenn andern Eilenden in ihrem Wagen Alles wie in einem Guckkasten vorüberfliegt.

Heinrich August Ottokar Reinhard, 1801

Was schon um 1800 erkannt wurde, gilt im digitalen Zeitalter um so mehr: Raus aus dem „Guckkasten“, loskommen von den Bildschirmen und mit Haut und Haar hinein in die „real life situation“ – das wirkliche Leben.

Be in the world
Die Simulationen der digitalen Welt werden immer verführerischer. Doch nur Draußen ist die wirkliche Welt erfahrbar – von Mensch zu Mensch.

> Diese Internetseite wurde von einem Menschen geschrieben und gestaltet (Bertram Weisshaar). Alle auf dieser Website gezeigten Fotos sind wirkliche Aufnahmen, die alle entlang von Wanderungen auf dem Denkweg entstanden. Auch die obige Fotomontage basiert auf einer auf dem Denkweg entstandenen Fotografie – und diese verdeutlicht den Unterschied: Es genügt nicht, sich Fotos von wandernden Menschen anzuschauen, sondern Mensch muss selbst auf seinen Füßen unmittelbar in der Welt sein. Dies gilt um so mehr, je mehr sogenannte künstliche Intelligenz in unseren Alltag eindringt (was 2015 noch kaum absehbar war). Vgl. dazu Walk My Walk

In Resonanz gehen

„Wir sind nicht nur Teil der Natur, sondern sie ist Teil von uns. Um uns ganz selbst zu verstehen, müssen wir uns selbst in anderen Lebewesen wiedererkennen.“

Andreas Weber: Alles fühlt

Entlang der Wanderung kommt es beinahe täglich zu Begegnungen mit Tieren. Oft bemerken die Tiere zuerst, dass da ein Mensch in ihrer Nähe auftaucht und reagieren hierauf. Manche Tiere verharren in ihrer Position, manche laufen weg und wieder andere kommen nahe oder geben Töne von sich, etwa Schafe und Ziegen. Auf diese Reaktion der Tiere reagiert wiederum der wandernde Mensch – es ist ein gegenseitiges Voneinander-Notiz-nehmen.
Die Tiere als eigenständiges und eigensinniges Gegenüber »antworten« aus sich heraus und nicht etwa, weil wandernde Menschen dies „einschalten“ könnten. Solche Momente über eine längere Wanderung hinweg täglich zu erfahren lässt einen spüren, dass man selbst Teil der Natur ist – und man beobachtet bei den Tieren vielleicht sogar Regungen, die man von sich selbst kennt. Früher oder später wird einem klar:

Jenseits des Verstandes gibt es noch eine andere Verbindung zur Natur.

In diesem Sinne kann die Denkweg-Wanderung zu einer Passage werden, von der man anders zurückkehrt als man aufgebrochen ist.

Nachdenken ist gut und wichtig. Sich als in Verbindung mit der Natur zu spüren, ist ebenfalls von elementarer Bedeutung.
Bank auf Felskuppe mit Aussicht

Reduktion ist Gewinn

Unser Leben ist viel schwerer als das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die uns das Leben erleichtern.

Julius Cäsar; 100 – 44 v. Chr.

Gehen geht noch heute so einfach wie zu Anbeginn der Menschheit: Aufstehen und dann einen Schritt nach dem andern tun. Siehe da, schon geht man. Von Tag zu Tag ein Stück weiter.

Wanderweg in enger Schlucht

Von Woche zu Woche gelingt es leichter. Ganz aus Dir selbst heraus vergrößerst Du deinen Möglichkeitsraum. Und je weniger Zeug Du mitnimmst, um so einfacher geht es. Damit ist das Weit-Wandern hochaktuell für unsere Zeit: Je weniger wir benötigen, umso freier können wir aus den sich anbietenden Wegen wählen, umso beweglicher sind wir, beim Wandern, als auch im Denken.
Eine Fernwanderung ist gleichwohl „nur“ eine Ausnahme-Zeit. Anschließend kehrt man sehr wahrscheinlich in die selbe Wohnung, die selbe Umgebung, die selbe persönliche Rolle und in die gewohnte Komfort-Zone zurück. Jedoch die unterwegs gewonnenen Erfahrungen und Einsichten bleiben. Und eben dies eröffnet eine Freiheit, die Dir niemand nehmen kann:

Minimierung der Ansprüche ist Optimierung der Freiheit. Reduktion ist Gewinn.

Otl Aicher; 1922 – 91

Im Gehen wird das Prinzip der Reduktion unmittelbar einsichtig und der Zugewinn an Freiheit direkt erlebt. Und schon die alten griechischen Denker philosophierten im Gehen:

Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf.

Sokrates; um 469 v. Chr. – 399 v. Chr.
Wander-Wegweiser an der Stelle "Am hohlen Steine". Sehr weiter Panoramablick.
Den eigenen Radius erweitern – bis hinter den Horizont.
Überdachte Sitzplatz in einem Garten mit Bauwagen im Hintergrund
Reduktion der Ansprüche erleichtert auch den Kontakt zu anderen Menschen unterwegs.
Picknick in lichtem Wald in hohem Gras

Orte der Erkenntnis

Die Welt ist voller Widersprüche. Das Land zu Fuß zu durchqueren hilft Dir, dies Nebeneinander von Schönheit und Schrecken eher zu verstehen.

Fußweg zwischen Leitplanke und Brückengeländer über ein Industriegebiet am Rheinufer.
Der Denkweg führt durch gegensätzliche Szenen.
Sehr einfache Holubrücke über einen kleinen Fluss in einen Wald.
Die Welt mit Füßen lesen – die begangenen Wege existieren gleichzeitig im selben Land.

Es gibt Orte, die etwas unmittelbar einsichtig werden lassen: Orte der Erkenntnis. Der Denkweg führt auch zu derartigen „Weißen Flecken“ unserer Kultur, die wir zumeist ausblenden oder gerne vergessen – zu den Rückseiten unseres Lebensstils: Abraum- und Salz-Halden, Braunkohlegruben, Deponien, monotone Wälder und intensiv genutzte Äcker und ausgeräumte Feldflure. Diese Orte konfrontieren mit den sogenannten „Nebenfolgen“ unserer verbreiteten Lebensstile und bringen so unser Denken in Gang.

Eng verwandt damit sind Orte der Industriekultur. Diese zeugen von Ingenieurskunst und der Erfindungsgabe der Menschen. Häufig sind damit aber auch sogenannte Ewigkeitslasten verbunden – Orte, die dauerhaft im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft behalten werden müssen.

Beobachtungen am Wegesrand
Tagebau Hambach im Rheinischen Revier. Das Loch zu umwandert bedarf etwa drei Tagesetappen. Noch bis Ende 2029 wird hier Braunkohle gebaggert. Danach wird es bis um das Jahr 2200 dauern, bis der Wasserhaushalt wieder normalisiert sein wird.
Fußballplatz vor großem Öllager und qualmenden Schloten und Kühltürmen
Zu Gast: Der Mensch auf der Erde.
Agrarwüste – bis zum Horizont ausgeräumte Ackerflur
Über Kilometer hinweg »besenrein«
Großflächige Aufforstung nach Kahlschlag
Wanderung auf den »Monte Kali«: Ein riesiger Salzberg in der Landschaft – Abfall des Kalibergbaus.

Aussichtspunkte in die Zukunft

„Geschichten des Gelingens erzählen von „Menschen, die ihre Welt verändern, indem sie Ideen über andere Formen des Produzierens, Wirtschaftens, Unterhaltens usw. umsetzen und damit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit praktisch machen. Sie schaffen Labore und Experimentierräume einer enkeltauglichen Gesellschaft, und zwar ohne Auftrag und ohne, dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Sie machen Unerwartetes, weil sie es sinnvoll finden. Bei all dem wird Wissen erzeugt, das wir künftig brauchen werden.“

Das Zukunftsarchiv; futurezwei.org

Wenn wir zu einem nachhaltigen Lebensstil finden wollen, brauchen wir hierfür positive, nachahmbare Beispiele – Geschichten des Gelingens. Entlang des Denkweges finden sich gelebte Beispiele für eine andere Lebenspraxis. Dies sind Orte des Lernens, des praktischen Ausprobierens – Aussichtspunkte in die Zukunft. Wirkliche Sehenswürdigkeiten!

Das Wandern über Tage hinweg trainiert ganz nebenbei eine für die Zukunft notwendige Fähigkeit: Weglassen. Überflüssigen Ballast ablegen. Reduktion auf das wirklich Wichtige.

„Die konkrete Utopie heißt: Zivilisierung durch weniger. Nämlich durch weniger Material, weniger Energie, weniger Dreck. Neugier, Sehnsucht nach anderem, Wünsche und Träume darf es dagegen durchaus mehr geben: Sie sind die eigentlichen Produktivkräfte des Zukünftigen“

Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand

Querschnitt als Methode

Von Dreiländereck zu Dreiländereck
Der Denkweg führt vom westlichsten Dreiländereck Deutschlands bei Aachen entlang einem Querschnitt durchs Land nach Osten zum jüngsten Dreiländereck Europas bei Zittau.

Wege zur Natur
In Abschnitten folgt die Route bekannten Fernwanderwegen, etwa dem Rothaarsteig, dem Rennsteig, dem Urwaldsteig Edersee, dem Grimmsteig und auch dem Malerweg durch das Elbsandsteingebirge. Dabei taucht der Weg immer wieder ein in Naturparke: Naturpark Rothaargebirge, Naturpark Kellerwald-Edersee, Naturpark Habichtswald, Nationales Naturmonument Grünes Band, Naturpark Thüringer Wald, Nationalpark Sächsische Schweiz reihen sich entlang der Route. (Nicht nur) Auf diesen Etappen kann man zur Ruhe kommen, sich selbst als Teil der Natur spüren.

Wanderweg durch bewaldete Schlucht

„Statt die Landschaft Schritt für Schritt für sich zu vereinnahmen, ist es der Wanderer, der von dieser vereinnahmt wird. Losgezogen mit dem Wunsch der Aneignung, wird das Gehen ein Sich-gehen-Lassen, wird zu einem Sichverlieren im anderen des durchquerten Raums.“

Gerald Fitzthum: Konturen einer Philosophie des Wanderns. 2014

…und Wege ins Hier und Jetzt
Doch die Querschnitts-Route beinhaltet ganz im Sinne der Europäischen Landschaftskonvention auch längere Strecken durch die Alltagslandschaften. Mithin besteht das Ziel darin, sich ein möglichst repräsentatives Querschnitts-Bild der gewordenen, heutigen Welt zu ergehen.

Das Überschreiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs bildet dabei einen besonderen Moment.

Grenzlehrpfad

„Wandern als Wissenschaft: alles in Beziehung setzen, vermählen.“

Hans Jürgen von der Wense: Wandern

IN BEZIEHUNG SETZEN
Die Route des Denkwegs verknüpft einige große und mittlere Städte mit ländlichen Regionen, verbindet West und Ost, ebenso schrumpfende und prosperierende Regionen. Nicht zuletzt verbindet sich damit das Ziel, Aufmerksamkeit auch in solche ländliche Regionen zu bringen, auf welche sich seltener die mediale Aufmerksamkeit richtet – und die aber doch etwas zu erzählen haben.


Der Denkweg spricht Dich an und Du möchtest direkt losgehen? Dann pack deinen Rucksack besser noch heute als erst übermorgen. Gerne gebe ich praktische Tipps zur Vorbereitung deiner Denkweg-Wanderung.

Oder:
Sie finden die Idee des Denkweges überzeugend und Sie möchten persönlich oder mit ihrer Institution aktiv den Prozess zur Etablierung des Denkwegs unterstützen?
Dann einfach Kontakt aufnehmen.