Ist es eine Kippe oder ein Berg?
Die Kippe entstand seit dem Aufschluss des Tagebaus Hambach. Im Oktober 1978 wurde damit begonnen, die über dem Kohleflöz lagernde 170 Meter mächtige Erdschicht beiseite zu räumen und außerhalb der künftigen Grube als Außenkippe abzulagern. Inzwischen entstand auf einer Gesamtfläche von 13 Quadratkilometern eine etwa 200 Meter hohe Schüttung. Seit 1990 wird die Kippe nach Süden auf bereits ausgekohlten Tagebauflächen erweitert. Der Höhenunterschied bis zur Sohle des Tagebaus beträgt etwa 600 Meter – eine Dimension wie in einem Mittelgebirge.
Der Berg entstand erst später, indem die Natur der zunächst nackten Kippe nach und nach ein einigermaßen gewöhnliches Aussehen schenkte, als bestünde auch dieser Berg seit langen Zeiten. Da aber jene Aktiengesellschaft, die den großen alten Wald beiseite räumte, um an die dicke Kohle zu kommen, den Berg für ihr Marketing benutzt, besteht bei nicht wenigen Menschen in der Region, insbesondere jenen, die den alten Wald vermissen oder ihr Heimatdorf verloren haben, eine gewisse Abneigung gegenüber dieser Kippe. Es scheint, nicht wenige Menschen hegen eine Aversion gegenüber dieser Landschaft. Wer den alten Wald nicht kannte oder zumindest das Entstandene nicht permanent mit dem Vergangenen in Vergleich setzt, kann auf der „Sophienhöhe“ genannten Kippe einer spannenden Frage folgen: Wie weit ist diese Kippe von kaum vorstellbarer Dimension schon zu einem landschaftlichen Berg geworden und wo lässt sich diese Wandlung beobachten?
Deutschland ab vom Wege
Angeregt durch die Publikation Denkweg und einen Bericht darüber in der Süddeutschen Zeitung machte sich der Fotograf Andreas Teichmann auf den Weg von Aachen nach Zittau. Für seine Wanderung entwickelte er eine eigene Route und einen Blog: 50Days. Fünfzig Tage vor der Bundestagswahl 2017 brach er auf mit seiner 100-Megapixel-Mittelformatkamera im Rucksack zu einer »visuellen Untersuchung«, einer Art »visual investigation«. Er spürte der Frage nach, »wie das Land vor der Wahl tickt«.
Auf seiner vorletzten Etappe nach Zittau begleitete ich Andreas Teichmann für einen Tag. Unser Gespräch entlang des Weges kreiste dabei im Wesentlichen um zwei Themen: Lange beschäftigte uns, inwieweit seine Fotos eine politische Komponente enthalten. Überwiegend zeigen seine Bilder relativ zufällig eingesammelte Szenen – ebendas, was sich entlang der Wanderung gerade darbot. Sie sind daher auch nicht zugespitzt auf solche »Aufreger«, die jeweils für kurze Zeit die Medien und öffentlichen Diskurse bestimmen. Seine Fotos sind keine »Breaking News«, keine Sensationen, die eine Menge Klicks generieren. Es sind eher alltägliche Situationen, entlang einer langsamen Fortbewegung durch das Land, überwiegend durch ländliche Gebiete, darunter auch solche Landstriche, die gelegentlich als »abgehängt« bezeichnet werden.
Vielleicht sind die Fotos von Andreas Teichmann gerade darum eine leise Gegenposition, die im vermeintlich Abgehängten einmal hinschauen und festhalten, was dort ist.
Seine Blickrichtung ist eine andere, als sie die Titelseiten der großen Zeitungen und die Fernsehnachrichten überwiegend zeigen: Diese melden Ereignisse, die sich in den Städten zutragen, erzählt von Menschen, die in Städten leben. »Als höre die Welt am Rande der Städte auf und werde erst in exotischer Ferne wieder interessant«, wunderte sich der Journalist Henning Sußebach selbstkritisch.
Urwald? Wildnis?
Steil geht es bergauf und bald enden dann auch die breiten, befestigten Wege. Mal auf engen, mal auf lichten Pfaden führt der Urwald-Steig sowohl durch jungen, schier undurchsichtigen wie auch durch alten, hallenartigen Buchenwald. Helle Waldabschnitte wechseln mit dunklen. Das eher hellgrüne Laub der Buchen kontrastiert mit den dunkleren, leicht olivgrünen Blättern der Eichen, die sich vereinzelt dazwischen finden. Großes Landschaftskino – ständig gibt es etwas zu entdecken. Der Boden bietet den Füßen oft einen angenehm weichen Auftritt und so gehen diese fast wie von selbst – auch wenn es immer mal hoch und runter geht. Die schönen Aussichten und die Abwechslung der Wege lassen die Anstrengung vergessen. Ebenfalls vergessen lässt der Urwald-Steig die Frage, ob das nun Urwald sei oder eines Tages werden könnte. Auch die Frage, wo das Holz herkommen soll, das wir ja doch benötigen, ist an diesem Ort nicht angebracht. In Erinnerung hingegen kommt mir das Zitat, das ich mir im Naturparkzentrum notiert habe:
„Es ist umsonst, wenn wir von einer Wildnis träumen, die in der Ferne liegt. So etwas gibt es nicht. Der Sumpf in unserem Kopf und Bauch, die Urkraft der Natur in uns, das ist es, was uns diesen Traum eingibt.“
(Henry David Thoreau; 1817 – 1862)
[Auszug auf aus „Urwald-Steig“. In: Weisshaar, Bertram: Denkweg. 2016 München. Oekom Verlag]
