Von Jahr zu Jahr pilgern immer mehr Menschen nach Santiago de Compostela – im Jahr 2025 waren es 242.000 allein auf dem Camino Francés. Auf den letzten hundert Kilometer ab der Stadt Sarria drängeln sich die Pilger mitunter zu dichten Gruppen. 2025 zählte das Pilgerbüro Santiago insgesamt etwa 530.700 Pilger. Mehr und mehr ist die Rede von Overtourism, was beispielsweise in der arté-Reportage Re: Tourimeile Jacobsweg anschaulich wird.
Trotz dieser Kehrseiten bleibt festzuhalten, dass der Camino Francés für viele Menschen eine enorme Faszination entfaltet und ohne Zweifel nehmen die Pilger persönliche und noch lange nachwirkende Eindrücke mit nach Hause (insbesondere jene, die deutlich mehr als nur die letzten hundert Kilometer gingen). Interessant zu erforschen wäre, wie weit diese je persönlichen Erlebnisse und Eindrücke auch in die Gesellschaft hinein eine Wirkung entfalten.
Die prinzipiell denkbare Rückkoppelung von Fernwandern und Pilgern in die Gesellschaft hinein kann folgendes Gedankenspiel aufzeigen:
- Jede Person, die einmal über Wochen oder gar Monate hinweg zu Fuß durchs Land unterwegs ist, wird mit Sicherheit seinen Freunden und Bekannten von den persönlichen Erlebnissen, Begegnungen und unmittelbaren Beobachtungen erzählen, und dies nicht nur in den Tagen direkt nach der Rückkehr, sondern gelegentlich auch noch nach Monaten oder gar Jahren.
- Mit einer ausgesprochen vorsichtigen Schätzung kann man annehmen, dass jede/r Fernwanderer/in im Durchschnitt wenigstens zwanzig Personen im persönlichem Gespräch von seinen Erfahrungen entlang des Weges berichtet.
- Angenommen fünf Prozent der Bevölkerung hätte eines Tages das Land einmal zu Fuß durchquert und anschließend je zwanzig Personen davon berichtet, dann hätten im Prinzip alle im Land lebenden Menschen besondere Geschichten aus diesem Land erfahren – über persönliche Berichte von vertrauensvollen befreundeten Personen, völlig unabhängig von digitalen Medien.
- In Deutschland leben ca. 83,5 Mio. Menschen. Fünf Prozent davon bedeutet: 4.175.000 Personen. Ganz schön viele. Verteilt man dies aber auf 25 Jahre (also den Zeitraum bis etwa 2050), so sind das im Durchschnitt jährlich 167.000 – damit also deutlich weniger als in den letzten Jahren in Santiago de Compostela im Pilgerbüro eintraten.
- Mit anderen Worten: Bis Mitte dieses Jahrhunderts könnte die Idee des Denkwegs bzw. die Idee der Querschnittswanderung (auch auf anderen Routen) prinzpiell eine ähnliche Kraft entwickeln, wie dies der Camino Frances gegenwärtig entfaltet.
- Eine Utopie? Gewiss. Aber vielleicht einfacher zu erreichen als die beschlossene CO2-Neutralität bis Mitte des Jahrhunderts.

