Sophienhöhe

Wimpel-Sophienhöhe

22.07., 8:30 Uhr. Wir starten in Jülich und erreichen gegen 10 Uhr den Fuß der Sophienhöhe. Von weitem sieht dieser Berg aus, als wäre er ein ganz normaler; ist er aber nicht. Er wurde künstlich aufgeschüttet, 200 Meter hoch. 1978 wurde damit begonnen, Abraum aus dem Braunkohletagebau Hambach hier aufzuschütten – und dieses Schütten dauert immer noch an. Schon bald wurde mit der Aufforstung erster Haldenabschnitte begonnen. An solch einem Ort sind wir angekommen und biegen nun ein in den nach oben führenden Waldweg. Augenblicklich werden wir umkreist von Dutzenden von Bremsen. Und auf dem Weg wimmelt es überall von Waldameisen. Sobald man auch nur wenige Sekunden stehen bleibt, lassen sich die Bremsen nieder und die Ameisen krabbeln die Schuhe und Beine nach oben. Ist das die Rache für die abgebaggerten Dörfer und die verbrannte Kohle? Aber ich glaub‘ doch nicht an Fabeln und verhexte Wälder! Nach etwa fünfzig bergauf gehetzten Minuten erreichen wir auf der Plateaufläche das „Höller Horn”. Dies ist eine rund 17 Hektar große, hügelige Fläche, auf welcher nur nährstoffarmer Sand, Kies und tonhaltige Erde aufgebracht und auf eine Bepflanzung verzichtet wurde. Entsprechend spärlich ist die Vegetation und der Spuk mit den Bremsen und Ameisen hat endlich ein Ende. Statt dessen werde ich nun umkreist von einem Schwarm kleiner Fliegen. Wäre ich in einer Küche, wären es Obstfliegen – aber hier ist weit und breit kein Obst. Hingegen gibt es eine hölzerne Landmarke mit Wetterfahne oben drauf, die an ein altes Seezeichen erinnert und diesem Bereich eine poetische Note verleiht. Ein schöner Ort für eine Rast. Im Vergleich zu den rekultivierten, in Reih und Glied aufgeforsteten Flächen ist dieser Bereich ästhetisch und sinnlich um vieles ansprechender. Warum gibt es nicht mehr hiervon? Diese Region könnte quadratkilometerweite Zonen mit solch außergewöhnlichen Szenerien haben – eine Landschaft, wie sie nur durch den Braunkohlebergbau erschaffen werden kann. Statt dessen sieht die Bergbaufolgelandschaft aber überwiegend möglichst normal aus, somit also langweilig. Das scheint durchaus beabsichtigt. Denn wenn durch die Rekultivierung der vorherige Eingriff wieder möglichst versteckt wird, fällt nicht auf, wie viele und wie große Flächen inzwischen durch die Bergleute umgedreht wurden.
Wir gehen weiter und erreichen bald den Bereich der Halde, der noch in Bearbeitung ist. Je weiter wir dem Haldenweg folgen, um so jünger ist die Vegetation – es ist fast so, als ob man die Zeitachse zurück gehen könnte. Und schließlich sehen wir den Absetzer am Ende des Förderbandes, wo der Abraum hinunter stürzt, erst Hügel und dann Berge aufeinander schichtend. Die Stunde Null der neuen Landschaft.

Es gibt einiges, was man entlang dieses Weges nicht sehen kann, worum man aber weiss – was wiederum den Blick verändert: Was aus den Augen entschwand, ist die Kohle, die verstromt und für unbekannte Zeiträume als CO2 in die Atmosphäre entsorgt wurde. Verschwunden sind zahlreiche Siedlungen, die dem Bergbau im Weg waren. Vergessen ist auch, dass die „Voll-Elektrisierung” unserer Haushalte vor kaum hundert Jahren erst einsetzte. Und schon scheint eine Alternative zu dieser Gegenwart noch nicht einmal mehr denkbar.

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