Urwald-Steig

Luchs Wolf

10. + 11.08. In Deutschland gibt es inzwischen sechzehn Nationalparks. Einer davon ist der Nationalpark Kellerwald-Edersee. (Der wiederum ist eingebettet in den größeren Naturpark Kellerwald-Edersee.) Ein Motto haben alle Nationalparks gemeinsam: „Die Natur Natur sein lassen.“ So werden beispielsweise die Wälder in den Nationalparks nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt. Sie sollen sich entwickeln können zu „Urwäldern von morgen”. Der um den Edersee herumführende Wanderweg heißt heute schon „Urwaldsteig“. Die Prospekte versprechen auch hier wieder viel: „Verschlungene Pfade über Stock und Stein zu unvergesslichen Naturerlebnissen – letzte echte Urwälder – mit atemberaubenden Ausblicken auf die einzigartige Wald- und Seenlandschaft der Erlebnisregion Edersee und des Nationalparks. Über 68 Kilometer erleben Sie wilde Natur auf Schritt und Tritt.“ Anstatt nun lange kritisch darüber zu reflektieren, ob es denn in Deutschland echte Urwälder überhaupt noch geben kann oder zu fragen, warum die Begriffe „Erlebnisregion“ und „Nationalpark“ so glatt in denselben Satz passen – da gehe ich doch einfach diesen Urwald-Steig ein gutes Stück weit entlang. Und um dabei möglichst alles richtig zu machen, besuche ich zuvor das Naturparkzentrum Kellerwald.

Dessen Ausstellungsparcours greift tief in die Trickkiste der medialen Inszenierungen und scheint insbesondere auf konzentrationsgestörte Schüler ausgerichtet: Um ja nicht die Aufmerksamkeit der Besucher zu verlieren, muss man als solcher an den Bildschirmen ständig auf einen Button „touchen“ oder irgend etwas irgendwie bewegen. Und das soll jetzt für Naturerfahrungen sensibilisieren? Ich fühle mich hier angestrengt überanimiert, um aber am Ende doch nur recht wenig zu erfahren. Um wie viel konzentrierter wirken da die zwei ausgestellten Tierpräparate. Der Zeit enthoben, wohltuend anachronistisch stehen die einfach so da – wie man dies aus alten Naturkundemuseen kennt. Also ab jetzt rein in den Wald!

Steil geht es bergauf und bald enden dann auch die breiten, befestigten Wege. Mal auf engen, mal auf lichten Pfaden führt der Urwald-Steig sowohl durch jungen, schier undurchsichtigen, wie auch durch alten, hallenartigen Buchenwald. Helle Waldabschnitte wechseln mit dunklen. Das eher hellgrüne Laub der Buchen kontrastiert mit den dunkleren, leicht olivgrünen Blätter der Eichen, die sich vereinzelt dazwischen finden. Großes Landschaftskino – ständig gibt es etwas zu entdecken. Der Boden bietet den Füßen oft einen angenehm weichen Auftritt und so gehen diese fast wie von selbst – auch wenn es immer mal hoch und runter geht. Die schönen Aussichten und die Abwechslung der Wege lassen die Anstrengung vergessen. Ebenfalls vergessen lässt der Urwald-Steig die Frage, ob das nun Urwald sei oder eines Tages werden könnte. Auch die Frage, wo das Holz herkommen soll, das wir ja doch benötigen, ist an diesem Ort nicht angebracht. In Erinnerung hingegen kommt mir das Zitat, das ich mir im Naturparkzentrum notiert habe:

Es ist umsonst, wenn wir von einer Wildnis träumen, die in der Ferne liegt. So etwas gibt es nicht. Der Sumpf in unserem Kopf und Bauch, die Urkraft der Natur in uns, das ist es, was uns diesen Traum eingibt. (Henry David Thoreau; 1817 – 1862)

Urwaldsteig 1 Urwaldsteig 2 Urwaldsteig 3 Urwaldsteig 5 Urwaldsteig 4 Urwaldsteig 7 Urwaldsteig 6 Edersee trocken Edersee Seegrund

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